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Es war Neuseeland und nicht der Jakobsweg

Meine Reise auf dem Jakobsweg in Spanien und dann ein Jahr später in Neuseeland war ein Versuch dem Zwiespalt mit mir und der Welt entgegenzutreten. Die Verpflichtungen, die mir im »zivilen« Alltagsleben abgefordert wurden, empfand ich als zu hoch für meine inzwischen klein gewordene Lebensbatterie. Die Gesundheit und Lebensfreude waren auf der Strecke geblieben. Deshalb entschied ich, angeregt durch einen Artikel in einer Zeitschrift, den Jakobsweg von Frankreich (Saint Jean Pied de Port) nach Spanien (Santiago de Compostela und Cap Finesterre) zu pilgern. In der Hoffnung, dass ich ein wenig an Lebensqualität und Stärke zurück gewinnen würde.

In Spanien

Nachdem 900 km in 41 Tagen gelaufen waren und schließlich meiner Ankunft in Santiago de Compostela und ein wenig später am Cap Finisterre hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Laufen nicht das erreicht hatte, wonach ich gesucht habe. Sicherlich, ich hatte das eine oder andere mit mir bereinigen können. Aber das war oberflächliche Kratzerei und somit nicht das, was ich mir von dem Weg erhofft hatte. Ich flog schließlich von Santiago de Compostela zu meiner Schwester Sylvia und ihrer Familie, die in der Nähe von Stuttgart leben. Sie organisierte für mich eine kleine Feier. Die wandrerische Leistung und mein 40. Geburtstag wollten gefeiert werden. Meine Lebensgefährtin Catrin traf ich schon vorher am Flughafen Frankfurt Hahn. Nach der langen Zeit des Getrennt seins wollten wir uns erst einmal alleine haben. Als wir bei meiner Schwester ankamen, genoss ich die Geborgenheit der Familie. Auch meine Mutter hatte sich kommend aus Berlin zu uns gesellt.

Was nun?

Irgendwann war ich wieder zu Hause und blickte hilflos in meine Zukunft. Der Jakobsweg war gegangen und das erhoffte Wohlergehen hatte nicht den Weg zu mir gefunden. Es vergingen Wochen und Monate. Ideen wie, Kraft im Buddhismus zu finden oder Nepal und Tibet zu bereisen kreisten in meinem Kopf. Und dann kam mir Neuseeland in den Sinn. Neuseeland war schön weit weg von allem. Und das war es, was ich suchte. Weit weg wollte ich sein und allein. In Kontakt gehen, wenn ich es möchte. Ich überprüfte die Neuseeland Idee noch eine ganze Weile und kam, nachdem ich mir Grundkenntnisse über das Land zugelegt hatte zum Schluss, dieses Reiseziel soll es sein. Ich beschloss drei Monate das Land zu bereisen und buchte meinen Flug für Ende Januar. Dezember und Januar ist Sommer auf der Insel. Ende Januar ist die Ferienzeit für die Einwohner zu Ende. Das versprach einwenig Entspannung auf meinen Wegen durch das Land. Zuerst war mir schon ein wenig komisch, gleich für drei Monate Neuseeland zu bereisen. Aber in Erinnerung an all die positiven Informationen, die ich über Neuseeland erarbeitet hatte, ließen meine Bedenken schwinden.

Auf zu neuen Ufern

Am ersten Tag des Februars landete mein Flieger auf der Südinsel von Neuseeland in Christchurch. In den Genuss der viel benannten Freundlichkeit der Einwohner kam ich schon nach den ersten Minuten meiner Ankunft. Es war spät, nahe Mitternacht, und ich hundemüde. 45 Stunden Anreise forderten ihren Tribut. Ich ließ mich mit dem Bus, der vor dem Flughafengebäude stand, in die Stadt fahren. Dort hatte ich mir das Hostel „Jailhouse“ zur Übernachtung ausgesucht. Es war früher mal ein Gefängnis. Der hilfsbereite Busfahrer stieg mit mir aus seinem Linienbus nachdem er mitbekam, dass meine Aufnahmefähigkeit zu später Stunde etwas im Nebel stand. Wir gingen ein paar Meter, so dass er mir besser meinen noch bevorstehenden Weg zeigen und erklären konnte.
Am nächsten Tag ging ich im „Hagley Park“ in der Nähe meines Hostels spazieren. Erst jetzt begriff ich so wirklich, dass ich in Neuseeland war und weit, weit weg von allem. Mich überkam ein großes Glücksgefühl. Ich riss im Laufen die Arme hoch, atmete tief ein. Tränen liefen mir in die Augen. Ich habe alles richtig gemacht!

Hallo Lebensglück

Ich nutzte die vorhandenen Buslinien in Neuseeland, die es mir einfach machten, durch das Land zu reisen. Zuerst ging es nach Süden, um dann mit dem schönen Wetter nach Norden zu ziehen. Ich übernachtete in Hostels, bevorzugte es aber wenn die Möglichkeit bestand, mein Zelt aufzuschlagen. Mit der Zeit die verging fühlte ich, wie meine Lebenskraft langsam wieder zurückkehrte. Selbst meinen Schlaf habe ich nach Jahren wieder gefunden. Unglaublich!

Ich saß mal wieder in einem Bus mit dem Reiseziel Mt. Cook an der Westküste der Südinsel. Mit 3.754 m ist er der höchste Berg der Neuseeländischen Alpen. Ahnungslos guckte ich aus dem Busfenster und staunte über die wundervolle Landschaft. Aber was mich nach der nächsten Kurve erwartete sollte mich da berühren, wo ich es bei weitem nicht erwartet hatte. Der Bus durchfuhr die Kurve um dann am Ende der Biegung einen grandioser Blick auf den Mt. Cook freizugeben. Dazu gesellte sich das türkis leuchtende Gletscherwasser des Berges, welches sich an dessen Fuße in einem großen See sammelte.
Dieser Anblick und die Erinnerungen an das bisher Erlebte in Neuseeland berührten mich unerwartet im Herzen. Ein Achterbahn-Gefühl im Magen gesellte sich zu all den anderen Gefühlswallungen. Ich empfand tiefe Ehrfurcht und ich konnte es kaum glauben, ich fühlte tiefes inniges Lebensglück. »Hallo Lebensglück«, sagte ich in Gedanken zu mir selbst. »Wie sehr habe ich dich vermisst!« Kaum zu Ende gedacht, rannen mir die Tränen an den Wangen herunter. Es war so überwältigend! Für eine kurze Zeit vergaß ich meinen Leidensweg in den letzten Jahren.

Schließlich hielt der Busfahrer sogar noch auf einem Parkplatz an, damit wir dieses fantastische Panorama in vollen Zügen genießen konnten. Auf der weiteren Fahrt erfuhren wir von ihm, dass die letzten Tage das Wetter so schlecht gewesen war, dass man kaum etwas von dem Berg und Umgebung gesehen hat. Ich erschrak ein wenig aber lächelte Sekunden später in mich hinein. Denn eigentlich sollte ich schon einen Tag früher den Mt. Cook erreichen. Ich hatte aber meinen Bus auf „mysteriöse Art“ verpasst. Der Fahrer konnte keine Ahnung haben, was diese Fahrt für mich bedeutete. Vielleicht aber doch ein wenig, als ich ihm am Ende der Fahrt ein gutes Trinkgeld in die Hand drückte, ihm in die Augen guckte und sagte: „Danke!“. Ich genoss mein Lebensglück mit jedem Atemzug. Und dann erinnerte ich mich an dieses Glücksgefühl. Es begleitete mich früher durch das Leben, bis ich es aus den Augen verlor.
Tage darauf bemerkte ich noch eine weitere wichtige Empfindung in mir, die das Leben so schön leicht macht. Ich hatte zu meiner „Mitte“ zurück gefunden. Innerlich völlig entspannt! So lief das Leben wie von ganz allein, einfach aus dem Bauch heraus. Und ich erinnerte mich wieder. „Ja, so einfach und schön kann das Leben sein.“ Dieses Mal brauchte ich meine feuchten Augen nicht verstecken wie im Bus am Mt. Cook. Denn jetzt saß ich alleine am Strand.

Danke

Neuseeland, Du mit deiner atemberaubenden Landschaft und beseelten Einwohner. Ihr habt mir das Herz geöffnet und somit den Weg zu mir selbst.